Die Mondberge erstrecken sich von Süden nach Norden über 120 km bei einer Breite von ca. 50 km quer über den Äquator. Insgesamt liegen sechs größere Berge im Ruwenzori. Der höchste wurde 1906 von Luigi Amedeo von Savoyen, dem Herzog der Abruzzen, während seiner erfolgreichen Erstbesteigung „Mount Stanley“ genannt. Seine drei Spitzen (Albert, Alexandra und Margherita) sind über 5.000 Meter hoch. Der dritthöchste Gipfel Afrikas – nach dem Kilimanjaro und dem Mount Kenya – ist die Margherita-Spitze mit 5.109 Metern. Nur wenige Tage im Jahr – oder in seltenen kurzen Momenten – sind die Gipfel nicht in Wolken verborgen.

Im zentralen Teil des Gebirges liegt der Rwenzori Mountains National Park – UNESCO Weltnaturerbe seit 1994. Nur ein paar hundert Trekker und Bergsteiger pro Jahr nehmen die Strapazen auf sich, diese fantastische Region zu Fuß zu erkunden. Im Vergleich dazu: den Kilimanjaro versuchen inzwischen pro Jahr mehr als 20.000 Menschen zu besteigen. In den meisten Monaten des Jahres ist eine Begehung des Central Circuit Trails und eine Besteigung der Berge im Ruwenzori überhaupt nicht möglich. Die Wege sind durch tiefen Schlamm unpassierbar und es regnet den ganzen Tag, 24 Stunden lang. Zwischen Dezember und Februar oder im Juli und August regnet es weniger, manchmal (ganz selten) gibt es vereinzelt sogar sonnige und richtig schöne, sommerlich warme Tage.

Das faszinierende ist, dass es ständig etwas Anderes, Neues und Ungewohntes zu sehen gibt. Der Ruwenzori bietet bis fast hinauf zu den höchsten Gipfeln eine einzigartige Vegetation. Am Ende des zweiten Tages hofften wir (schönes Wetter vorausgesetzt) zum ersten Mal die höchsten Gipfel zu sehen. Der Anblick der Gletscher verschlug uns schier den Atem! Die Gipfelspitzen waren nur zu erahnen, Wolken umflossen sie ständig – trotzdem sehr beeindruckend, wo wir doch an der John Matte Hut noch mitten im saftigen Grün standen. Vereinzelt wachsen bereits Lobelien und Senezien hier auf rund 3.500 Metern Höhe. Diese beiden Pflanzenarten bestimmen in den nächsten Tagen das Landschaftsbild und verkörpern die Besonderheit der Mondberge. Nur im Ruwenzori kommen sie in dieser Anzahl und Größe vor.

Wir bewegten uns hier in einem Hochgebirge in Regionen oberhalb 4.000 Meter. Doch rechts und links des Weges ist der Boden komplett von dichten Moosen bedeckt. Die Farben reichen von strahlendem Gelb über verschiedene Orangetöne bis zu einem satten Grün. So weit das Auge blickt stehen große Lobelien und Senezien in der Landschaft, an denen das Moos von unten emporwächst, teilweise sind die Stämme bereits komplett überwuchert.

Im Ruwenzori herrscht ab ca. 3.000 Metern das so genannte Tageszeitenklima. Jeden Tag ist Sommer, jede Nacht ist Winter! Tagsüber kann es bis zu 25 Grad warm werden, nachts fällt das Thermometer auf unter null Grad. An jedem Tag des Jahres! In Lobelien sammelt sich Wasser, in das diese Pflanzen eine Art natürliches Frostschutzmittel absondern. So überstehen sie die eisigen Nächte. Senezien hüllen sich in die eigenen, abgestorbenen Blätter und isolieren und schützen sich auf diese Weise.

Die Gletscher des Ruwenzori-Massivs erscheinen oft schwarzweiß gefleckt oder gestreift. Die schwarze Farbe stammt von den alljährlichen Buschbränden in der nahe liegenden afrikanischen Savanne. Wind trägt die Asche bis hier hoch oben an die Berghänge, wo sie sich auf dem weißen Schnee ablegt.

Normalerweise lernen wir, dass Pflanzen mit zunehmender Höhe immer kleiner werden. Hier im Ruwenzori gibt es aber das seltene Phänomen des „Pflanzengigantismus“. Viele Theorien dazu wurden bereits widerlegt. Heute glaubt man, dass es ein Zusammenspiel zwischen mehreren Faktoren ist: Durch die extrem hohe, immerwährende Feuchtigkeit entsteht ein Treibhausklima, das den Pflanzenwuchs fördert – und die permanente Wolkendecke filtert schädigende UV-Strahlung (die sonst solche Größen verhindert) weitestgehend aus. Die Zellen werden nicht zu stark geschädigt, es reicht aber für Mutationen. Die herbeigewehte Asche aus der Savanne ist ein guter Dünger. Deshalb können die Pflanzen der Mondberge so viel riesiger werden, als irgendwo sonst auf der Welt.

1958 fanden die ersten – und vermutlich auch einzigen – ugandischen Ski-Meisterschaften auf dem Stanley Plateau statt. Mitten im wildesten und einsamsten Hochgebirge Afrikas in Bereichen über 4.500 Meter. Der Weg zur Piste dauert mindestens 4 Tage. Wie verrückt kann man sein?

Vor etwa 110 Jahren, als die ersten Erkundungen und Besteigungen stattfanden, so schätzt man, gab es rund sechseinhalb Quadratkilometer Gletscherfläche. Heute ist davon nur noch ein kümmerlicher Rest von etwa einem halben Quadratkilometer (verteilt auf alle vergletscherten Gipfel) übrig geblieben. Wie beeindruckend muss das damals ausgesehen haben! Die Gletscher sind wie überall auf der Welt auch im Ruwenzori auf dem Rückzug und werden vermutlich schon bald ganz verschwunden sein.

Der Ruwenzori ist eine geologische Besonderheit und für ein Gebirge verhältnismäßig „jung“. Zum letzten Mal vor etwa 3 Millionen Jahren gab es im afrikanischen Grabenbruch starke vulkanische Aktivität und kräftige Hebungsprozesse. Dabei hoben sich die Mondberge empor, die selbst keine Vulkane sind. Am Fuße dieser Berge driftet der Kontinent Afrika Jahr für Jahr um rund 2 cm auseinander. Das Granit-Gestein, das sich zum Beispiel auf den Gipfeln befindet gehört aber zum ältesten, was die Erde zu bieten hat … Milliarden Jahre alt.

Um die Mondberge ranken sich schon immer Legenden. Eine ganz aktuelle zum Schluss: es geht um nicht weniger als die Entstehung der Menschheit. Die Gattung „Homo“ begann sich vor ca. 3 Millionen Jahren in Ostafrika durch eine gravierende Klimaveränderung zu entwickeln. Ist die Entstehung des Ruwenzori, der ja eine hohe Barriere und Wetterscheide bildet, der ausschlaggebende Faktor gewesen? Wurde dadurch das Klima in Ostafrika plötzlich verändert? In den Mondbergen ist man dem Rätsel der Menschheitsgeschichte auf der Spur. Deutsche Wissenschaftler wollen klären, ob die Auffaltung des Gebirges der Auslöser für die Entstehung der ersten Menschen in Ostafrika war. Gesteinsuntersuchungen sollen zeigen, ob der Zeitpunkt übereinstimmt. Wieder eine Einzigartigkeit des Ruwenzori: Gebirge über 5.000 Meter findet man weltweit nur in Regionen, wo Kontinentalplatten aufeinander treffen – hier driftet aber ein Kontinent auseinander … machte dieser Zufall, diese Besonderheit, unser Leben erst möglich?