Die Legende eines schneebedeckten Hochgebirges mitten in Afrika ist uralt. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren schrieb Aischylos: „Ägypten wird vom Schnee genährt.“ Herodot und Aristoteles erwähnten es ebenfalls. 150 Jahre nach Christus schrieb der griechische Philosoph und Geograph Ptolemäus von den „Lunae Montes“, den Mondbergen, als der Quelle des Nils. Der arabische Geograph Idrisi zeichnete dieses Gebirge im Jahre 1154 in seinen Atlas ein. In Europa jedoch wusste bis Ende des 19. Jahrhunderts niemand etwas davon.

Kein anderes Gebirge konnte sich so lange vor der Welt verstecken. David Livingstone ist auf seinen berühmten Expeditionen schlichtweg daran „vorbeigelaufen“. Am 24. Mai 1888 sichtete der berühmte Afrika-Entdeckungsreisende und Journalist Henry Morgan Stanley das „schönste Gebirge Afrikas in all seiner Pracht“ – die schneebedeckten Höhen des Ruwenzori – und entdeckte sie für die westliche Welt. Er hatte einfach nur Glück, ein Junge lenkte seinen Blick in die richtige Richtung, genau in einem der seltenen Momente ohne Wolken oder Nebel. Der geheimnisvolle Ruwenzori, von dem er schon 12 Jahre zuvor gehört hatte, war endlich gefunden. Die Legende der Mondberge wurde zur Wirklichkeit. Stanley war der Überzeugung: „Damit ist die Frage nach den Nilquellen ausreichend beantwortet, die Gletscher des Ruwenzori sind der Ursprung des längsten afrikanischen Stroms.“

Heute wissen wir, dass sich diese Frage nicht so leicht beantworten lässt. Es gibt keine eindeutige Nilquelle! Offiziell gilt der Ausfluss aus dem Viktoriasee bei Jinja in Uganda als die Quelle des Nils – aber wo kommen diese gewaltigen Wassermassen denn tatsächlich her? Zweifellos zum größten Teil aus dem Ruwenzori. Dieser Name heißt in der Sprache der Bakonjo so viel wie „Regenmacher“. Es schneit und regnet dort an mindestens 320 Tagen im Jahr. Selbst in der so genannten Trockenzeit regnet es, an schönen Tagen natürlich etwas weniger … das Wasser fließt in verschiedenen Richtungen ab, aber alle diese Flüsse speisen letzten Endes den längsten Fluss der Erde.

1958 fanden die ersten – und vermutlich auch einzigen – ugandischen Ski-Meisterschaften auf dem Stanley Plateau statt. Mitten im wildesten und einsamsten Hochgebirge Afrikas in Bereichen über 4.500 Meter. Der Weg zur Piste dauert mindestens 4 Tage. Wie verrückt kann man sein?

Vor etwa 110 Jahren, als die ersten Erkundungen und Besteigungen stattfanden, so schätzt man, gab es rund sechseinhalb Quadratkilometer Gletscherfläche. Heute ist davon nur noch ein kümmerlicher Rest von etwa einem halben Quadratkilometer (verteilt auf alle vergletscherten Gipfel) übrig geblieben. Wie beeindruckend muss das damals ausgesehen haben! Die Gletscher sind wie überall auf der Welt auch im Ruwenzori auf dem Rückzug und werden vermutlich schon bald ganz verschwunden sein.

Der Ruwenzori ist eine geologische Besonderheit und für ein Gebirge verhältnismäßig „jung“. Zum letzten Mal vor etwa 3 Millionen Jahren gab es im afrikanischen Grabenbruch starke vulkanische Aktivität und kräftige Hebungsprozesse. Dabei hoben sich die Mondberge empor, die selbst keine Vulkane sind. Am Fuße dieser Berge driftet der Kontinent Afrika Jahr für Jahr um rund 2 cm auseinander. Das Granit-Gestein, das sich zum Beispiel auf den Gipfeln befindet gehört aber zum ältesten, was die Erde zu bieten hat … Milliarden Jahre alt.

Um die Mondberge ranken sich schon immer Legenden. Eine ganz aktuelle zum Schluss: es geht um nicht weniger als die Entstehung der Menschheit. Die Gattung „Homo“ begann sich vor ca. 3 Millionen Jahren in Ostafrika durch eine gravierende Klimaveränderung zu entwickeln. Ist die Entstehung des Ruwenzori, der ja eine hohe Barriere und Wetterscheide bildet, der ausschlaggebende Faktor gewesen? Wurde dadurch das Klima in Ostafrika plötzlich verändert? In den Mondbergen ist man dem Rätsel der Menschheitsgeschichte auf der Spur. Deutsche Wissenschaftler wollen klären, ob die Auffaltung des Gebirges der Auslöser für die Entstehung der ersten Menschen in Ostafrika war. Gesteinsuntersuchungen sollen zeigen, ob der Zeitpunkt übereinstimmt. Wieder eine Einzigartigkeit des Ruwenzori: Gebirge über 5.000 Meter findet man weltweit nur in Regionen, wo Kontinentalplatten aufeinander treffen – hier driftet aber ein Kontinent auseinander … machte dieser Zufall, diese Besonderheit, unser Leben erst möglich?