Willkommen in Indien

Land & Leute
Streiflichter durch Alltagsleben, Kultur und Brauchtum

© Frank Hanel
© Frank Hanel

Betrachtet man die gesamte Größe des (geschichtlichen) Kulturgebietes, dann mag die von uns besuchte Region zwischen Agra und Khajuraho wie ein Wassertropfen in der Badewanne wirken – aber auf diesem kleinen Gebiet befinden sich vier Weltkulturerbe und neben vielen weiteren Monumenten auch die Paläste von Orcha, Nahtstelle zwischen Mogulreich und Hindu-Königtümern. Der Mogulkaiser Akbar (1556 bis 1605), der dritte seiner Herrscherlinie, hat neben vielen anderen Bauwerken in seiner Regierungszeit den Bau von drei Weltkulturerbestätten initiiert. Dazu kommen dann noch das von seinem Enkel Shah Jahan erbaute „Rote Fort“ in Delhi und das „achte“ Weltwunder, der Taj Mahal – eine beeindruckende Epoche!

Khajuraho

Zwischen ca. 950 und ca. 1120 erbauten die Herrscher der Chandella-Dynastie, ein Rajputen-Clan, im kleinen Ort Khajuraho etwa 80 Tempel. Der Ort versank bald in der Vergessenheit, und so wurden die Tempel von den Kriegszügen der späteren Mogulkaiser verschont. Sie wurden 1840 von den Briten in dem damals rund 300 Einwohner zählenden Dorf „wiederentdeckt“. Im 20. Jahrhundert durchgeführte Erhaltungs- und Renovierungsarbeiten gestatten heute den Besuch von etwa 20 Tempeln. Die Tempel sind im Außenbereich ungewöhnlich reich mit teils sehr erotischen Darstellungen geschmückt. Götterfiguren und „schöne Mädchen“ in Posen wie „Wimpern tuschen“, „Füße bemalen“, „Spiegel benutzen“ – immer vollbusig mit eng anliegender dünner Kleidung zeigen ein anderes Verhältnis zu Sinnesfreuden als heute. Man geht davon aus, dass diese Figuren und auch die Positionen der Liebespaare ihren Ursprung im Tantrismus haben.

Agra – Rotes Fort

Auf einem Hügel am südlichen Ufer der Yamuna ließ der Mogulkaiser Akbar 1565 eine Festungsanlage errichten, deren Ziegelsteinmauern mit rotem Sandstein verkleidet wurden. Die Ummauerung, bis zu 21 Meter hoch, umschließt mit etwa 2,4 km Länge einen halbmondförmigen Grundriss. Der Bau war bereits 1571 abgeschlossen und nur zwei Öffnungen, das Delhi- und Lahore-Tor, gewährten Einlass. Akbar ließ nur mit rotem Sandstein bauen, verlegte aber bereits 1572 seine Hauptstadt nach Fatehpur Sikri. Unter Shah Jahan wurden weitere prächtige Paläste und die berühmte Perlmoschee innerhalb der Mauer gebaut, nunmehr aber mit weißem Marmor verkleidet. Eine Bauweise, die beim Kernbau des Taj Mahal auch angewandt wurde. 1658 wurde das Rote Fort zum Gefängnis für Shah Jahan. Sein Sohn ließ ihn einsperren mit Blick auf das nur 2,5 km entfernte Grabmal seiner Gattin Mumtaz – das Taj Mahal.

Fatehpur Sikri

Akbar hatte lange Zeit keinen Thronfolger – obwohl er eine fleißige Heiratspolitik auch mit Hinduprinzessinnen betrieb – und besuchte deshalb 1568 den 35 km von Agra entfernt lebenden Sheikh Salim Chisti, einen Sufi-Heiligen, der ihm die Geburt eines Knaben vorhersagte. Akbar startete aus Dankbarkeit 1571 den Bau seiner neuen Hauptstadt auf dem Bergrücken als einheitlich geplantes Areal, umgeben von einer gewaltigen Festungsmauer. Die Moschee Jama Masjid und das Mausoleum von Salim Chisti sind intensiv besuchte Kultstätten, wesentlich ruhiger geht es in der bereits 1586 wieder verlassenen, aber gut erhaltenen, Palastanlage zu. Sehr beeindruckend ist der Weg über den Pachisi Hof (hier wurde mit lebenden Figuren Schach gespielt!) entlang des Wasserbeckens (Anup Talao) zum Diwan-I-Khas. Heute wird gestritten, welche Aufgabe dieses Gebäude hatte, es wird vielfach als Audienzhalle des Kaisers erklärt. Auf dem Weg passiert man den Panch Mahal, ein offener fünfstöckiger Palast, der auf Säulen stehend sich nach oben verjüngt.

Orcha

Auch die Hauptstadt der Bundella-Dynastie, Orcha, hat eine Verbindung zu den Mogulkaisern. Nicht nur, dass Akbars Sohn Salim bereits 1594 als Kronprinz den Feldzug zur Eroberung von Orcha befehligte, er freundete sich auch mit dem Herrscher Vir Singh Deo an. Dieser baute das Fort von Orcha weiter aus und zur Erinnerung wurde der neue Palast Jahangir Mahal genannt – Jahangir war Salims Name als Kaiser. Jahangir Mahal ist symmetrisch aufgebaut und beeindruckt durch seine vielen zartgliedrigen Fenster – dem Einfluss der Mogularchitektur zu verdanken. Das „Fort“ liegt auf einer Insel, die durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Vielfach wird auch von einer Palastanlage gesprochen, denn die Gebäude, die die Anlage bilden, hatten nicht nur wehrhafte Aspekte. Der Palast der Könige – Raj Mahal – besticht durch seine vielen Deckengemälde. Der dritte Palast in diesem Ensemble – Sheesh Mahal – ist heute zum Hotel umgebaut.

Agra – Taj Mahal

© Frank Hanel
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Das Denkmal der Liebe, ein Hohelied an die Symmetrie! Noch poetischer: „Eine Träne auf der Wange der Zeit“ oder als Zitat einer Inschrift im Mausoleum „Sein Meister kann nicht dieser Welt entstammen, denn sichtbar gab ihm diesen Plan der Himmel“. Der Enkel Akbars, Prinz Khurram verliebte sich in die Prinzessin Arjumand Begum und heiratete sie 1612 als seine Zweit-Frau. 1628 bestieg Khurram gewaltsam den Thron (er ließ seine Brüder ermorden) und nannte sich Shah Jajan. Seine Lieblingsfrau Begum erhielt den Namen Mumtaz Mahal. 19 Jahre dauerte ihr Glück, sie starb im Wochenbett bei der Geburt ihres 14. Kindes. Shah Jahan plante ein Denkmal zur „ewigen“ Erinnerung, 1631 wurde mit dem Bau begonnen. Die Aussagen zur Bauzeit differieren zwischen 11 und 22 Jahren – egal, das Ergebnis ist überwältigend!!
Der Bauplan ist eine architektonische Vereinigung vom Diesseits und Jenseits nach islamischer Vorstellung. Im Norden das Grabmal mit dem Grabgarten, dann als Übergang der Vorhof mit dem Haupttor als Eingang zum Garten und weiteren drei Eingängen. Im Süden dann der weltliche Teil mit Basaren und Karawansereien. Die Farbgebung ist ein weiterer Mosaikstein in diesem ausgeklügelten Ensemble. Strahlend weißer Marmor für das Mausoleum, während die Mauern des Grabgartens und die Gebäude des Vorhofes mit rotem Sandstein verkleidet sind.
Der Garten des Taj Mahal stellt ein irdisches Abbild des koranischen Paradieses dar. Die Grundfläche wird von zwei Hauptwegen in vier Quadrate geteilt und die Kanäle in den Hauptwegen sind paradiesischen Flüssen nachempfunden. Im Zentrum des Gartens münden die Kanäle in ein Wasserbecken, ein Sinnbild des himmlischen Brunnens, an dem die Gläubigen ihren Durst stillen, wenn sie ins Paradies eintreten.

Alltagsleben

Außerhalb der Metropolen dominieren Ackerbau und Viehzucht sowie Handel die Erwerbstätigkeit – Indien versorgt sich mit den Grundnahrungsmitteln weitgehend selbst. Supermärkte und mehrstöckige Einkaufszentren werden in den kleineren Städten durch Straßen ersetzt, an denen sich kleine Läden und Verkaufsstände wie an einer Perlenschnur aneinanderreihen. In den meisten wartet ein Mann auf Kundschaft und verkürzt sich die Zeit mit einem Gläschen Tee und Schwätzchen mit seinen Kumpels. In den Dörfern kann man auch noch die Herstellung von Feuermaterial, getrocknetem Kuhmist, bewundern und natürlich die fröhlich-freundliche Neugier der Kinder und vielfach auch der Mütter erleben.

Ranthambore
Der Tiger ist wieder Herr in seinem Land

© Frank Hanel
© Frank Hanel

Der Ranthambore-Nationalpark ist eine der attraktivsten und bekanntesten Naturattraktionen im indischen Bundesstaat Rajasthan. Überragt wird er von den Ruinen des 944 begonnenen Festungsbaus „Ranthambore“, der dem Park seinen Namen gab. Nach wechselnden Besitzern unter den Hindu-Königreichen wurde das Fort 1559 vom Mogulkaiser Akbar erobert. Später kam es in den Besitz der Maharadschas von Jaipur und das umliegende Areal wurde zu deren Jagdgebiet – und blieb dies bis zum Jahre 1970 – also selbst noch nach der Einrichtung des ersten Schutzgebietes!
Bereits 1955 richtete die indische Verwaltung das etwa 400 km2 große „Sawai Madhopur Wildschutzgebiet“ ein und machte dieses 1973 zum Teil des landesweiten Projektes „Schutz der Tiger“. Aus dem Kerngebiet entstand 1980 der etwa 280 km2 große „Ranthambore-Nationalpark“. 1984 wurden im Norden und Süden zwei Waldgebiete mit zusammen rund 900 km2 zu Wildschutzgebieten erklärt, die nun zusammen mit dem Nationalpark das „Ranthambore Tiger Reservat“ bilden.
Tigersafaris konzentrieren sich auf das Kerngebiet und können nur bei der Parkverwaltung gebucht werden. Durchgeführt werden sie zwei Mal am Tag (früher Vormittag und später Nachmittag) mit je drei Stunden Dauer. Als Fahrzeuge stehen Canter, Lkw mit 25 Sitzen, und Gypsys, kleine Jeeps mit 6 Sitzen, zur Verfügung. Verkauft werden einzelne Sitzplätze, dazu kommen noch zusätzliche Gebühren, wie beispielsweise für Kameras. Es geht aber nicht dergestalt los, dass nun der Guide aus seiner Erfahrung einen Kurs vorschlägt – nein, er holt sich vor der Abfahrt eine Zuteilung für eine „Zone“ bei der Parkverwaltung ab. Darin gibt es eine vorgegebene Strecke und die Wege dürfen nicht verlassen werden. Ranthambore ist in zehn Zonen eingeteilt und diese werden per Los (jedenfalls offiziell) auf die für den jeweiligen Termin gebuchten Fahrzeuge verteilt. Hintergrund ist der Versuch, einerseits möglichst vielen Besuchern den Einlass zu ermöglichen, andererseits aber den Stress der Tiger in den Hotspots durch eine zu hohe Dichte von Fahrzeugen zu mindern.
Fast schon romantisch wirkten die verlassenen Jagdpaläste an einem der Seen, aber wir mussten uns bei fantastischem Licht bereits wieder auf den Rückweg machen – das Tor schließt pünktlich und Fahrer und Guide drohen bei Zeitüberschreitung deftige Strafen, einschließlich zeitweisem Verbot zum Betretens des Parks!

Kaziranga
Weltnaturerbe mit über 100 Jahren Tradition

© Ingo Knoll
© Ingo Knoll

Der Kaziranga-Nationalpark liegt im Bundesstaat Assam – Teekenner schnalzen jetzt mit der Zunge – im äußersten Nordosten des Landes, einer von Nepal, China, Myanmar und Bangladesch umgebenen Region Indiens. Kaziranga ist seit neuestem etwa 860 km2 groß und liegt beiderseits des Brahmaputra, welcher das Gebiet und das Leben dort entscheidend prägt. Südlich vom Fluss bis zur Nationalstraße 37 liegen vier Sektoren mit rund 400 km2 Fläche. Diese bilden den allgemein bekannten und von Touristen besuchbaren Teil des Nationalparks.
Im Jahr 2005 feierte der Park sein hundertjähriges Bestehen! Vom Waldreservat über ein Schutzgebiet für Panzernashörner 1916 und Nationalpark seit 1974, zum Weltnaturerbe 1985 und schließlich auch noch Tigerreservat seit 2007. Kaziranga beherbergt etwa 2.000 Panzernashörner und somit rund 70 % des weltweiten Bestandes, 1.800 wilde Wasserbüffel, 1.300 wilde Indische Elefanten, 9.000 Schweinshirsche, 800 Zackenhirsche (Barasingha) und 90 bis 100 Bengaltiger, die höchste Tigerdichte Indiens, bezogen auf die Fläche. Dazu kommen neben anderen Raubtieren wie Leoparden und Schleichkatzen noch Warane und Schlangen und eine Vielzahl von Vogelarten.
Die ersten Panzernashörner sahen wir schon beim Erreichen des Parkgebietes aus der Ferne, das stärkte unsere Zuversicht, ihnen noch näher zu kommen. Elefanten-Safari – wieder frühes Aufstehen, kein Frühstück und mit zwei Jeeps ab in den Park zum Startplatz. Vom Elefant aus hat man einen guten Blick über etwa anderthalb Meter hohes Elefantengras und wir sahen recht bald die ersten Panzernashörner. Diese waren aber ziemlich versteckt und auch die Perspektive von so hoch oben war nicht vorteilhaft für diese Dickschiffe, die wie aus dem Jurassic-Park entsprungen wirkten.
Ein weiteres Erlebnis im östlichen Sektor Kazirangas ist eine Bootstour auf dem Brahmaputra, „Sohn des Brahma“, und deshalb der einzige Fluss, der im Indischen den männlichen Artikel trägt. Ein Flusstal voller Sandbänke und bis zu 15 km breit!

Gir
Heimat der letzten Asiatischen Löwen

© Michael Matschuck
© Michael Matschuck

Der Gir-Nationalpark liegt im indischen Bundesstaat Gujarat, der aufgrund seines restriktiven Alkoholverbotes auch der „trockene Staat“ genannt wird. Dieses Naturreservat, auf der Halbinsel Kathiawar ganz im Westen Indiens gelegen, ist das Rückzugsgebiet der allerletzten wildlebenden Asiatischen Löwen. Die Wälder von Gir waren einst das Jagdgebiet des Nawabs von Junagadh. Der Asiatische Löwe, Sinnbild der Macht, wurde im 19. Jahrhundert zum beliebtesten Jagdwild indischer Herrscher und weißer Großwildjäger. Bereits 1880 war er mit Ausnahme des Gir-Forest in allen übrigen asiatischen Gebieten durch die Jagd, die Abholzung der Wälder und die Wilderei ausgerottet.
Schon 1900 wurde der Löwe durch den moslemischen Provinzfürsten von Junagadh unter Schutz gestellt, ist jedoch durch Wilderei weiter bejagt worden. Erst im Jahr 1965 wurde das Gir Wildlife Sanctuary als erstes Schutzgebiet in Gujarat eingerichtet. Mit der Umsiedlung eines Teils der einheimischen Viehhirten samt ihrer Herden und der Umwandlung der Kernzone des Reservates in einen Nationalpark begann 1975 der effektive Schutz der dort beheimateten Tiere. Heute umfasst der Nationalpark eine geschützte Kernzone und ein auch landwirtschaftlich nutzbares Schutzgebiet.
Dank seiner Nähe zum Arabischen Meer – die Küste ist nur ca. 40 km entfernt – durchzieht den Park eine ständige Brise. Auch wenn diese keine wirkliche Abkühlung bringt, so macht sie uns doch den Aufenthalt während der heißesten Jahreszeit erträglicher. An manchem Morgen sammeln sich an der Trennlinie von Land und Meer träge Wolken und schieben eine dunstige Schwüle von der Küste über die Landschaft. Das treibt uns die Schweißperlen auf die Oberlippe und lockt die Moskitos aus ihren Verstecken, sogar schon morgens um 5.30 Uhr, wenn die vollbesetzten Jeeps am Eingangstor zum Park auf Einlass warten.
Das hügelige Gebiet des Parks ist von vielen kleinen Tälern und Mulden durchzogen, in denen sich während des Monsuns das Regenwasser sammeln kann. Die lockeren Mischwälder und das Grasland bieten ca. 65.000 Huftieren wie Sambarhirschen, Axishirschen, Nilgauantilopen und Indischen Gazellen idealen Lebensraum. Daneben leben hier Wildschweine, Languren und Stachelschweine. Mit dem ansteigenden Bestand an Beutetieren war es möglich, dass sich außer den zur Zeit ungefähr 400 Asiatischen Löwen auch andere Raubtiere wie Leoparden, Streifenhyänen und Rohrkatzen im Gir-Nationalpark heimisch fühlen. Damit besitzt er eine der größten Raubtierdichten Indiens.
Auf eingangs fest zugewiesenen Routen begeben sich die Guides mit uns in einer ebenfalls fest vorgeschriebenen Zeit auf „Löwenjagd“. Mit etwa 250 Vogelarten, die der Nationalpark beherbergt, ist der Gir-Forest ein echtes Eldorado für Ornithologen und Vogelbeobachter. Der Nationalvogel der Inder, der Asiatische Blaue Pfau, ist dabei wohl der auffallendste und farbenprächtigste Vogel. Die Schleppe der Männchen besteht aus ein bis eineinhalb Meter langen Oberschwanzfedern, die einst Königsthrone schmückten. Das schillernde Gefieder enthält erstaunlicherweise keine Farbpigmente, der Farbeindruck entsteht durch Interferenz des Lichts in mikroskopisch kleinen Luftkammern der Federn. Zerstört man die Luftkammern, sind die Federn dunkelgrau. Dieses fasanenartige Tier ist aufgrund seines stark entwickelten Geruchs- und Gehörsinns die beste Alarmanlage bei Gefahr. Seine lauten durchdringenden Schreie liegen wie ein Geräuschteppich über der Gegend und begleiten uns an jedem Tag im Park.
In enger Gemeinschaft zur Natur und zu den Wildtieren lebt auch heute noch ein großer Teil der Volksgruppe der Maldharis im Park. Dieses halbnomadische Hirtenvolk hütet Kühe, Schafe und Büffel sowohl im als auch rund um den Park. Häufig „bezahlen“ sie dafür mit Viehverlusten an die Raubkatzen. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie als traditionelle Milchbauern mit Milch und Käse.

Kanha
Wogendes Grasland und „europäische“ Wälder

© Michael Matschuck
© Michael Matschuck

Der Kanha-Nationalpark liegt im zentralindischen Hochland im Osten des Bundesstaates Madhya Pradesh mitten im Herzen Indiens und ist einer der bekanntesten Parks des Landes. Dieses großartige Tierreservat erstreckt sich über rund 940 km2 mit Laubwäldern, Savannengrasland, Hügeln und sanft mäandrierenden Flüssen. Die Forstgebiete setzen sich neben Sal- und Teakbäumen auch aus feuchten Laubwäldern zusammen, die uns verblüffend stark an die Wälder Nordeuropas erinnern.
Welch ein Unterschied zum Gir-Nationalpark. Auch in Kanha ist es Ende Mai trocken und staubig, aber die Bäume sind grün und der Bambus steht meterhoch an den Wegen. Bambus gehört zu den schnell wachsenden Gehölzen. Beeindruckend ist, dass die meisten Bambusarten nur einmal in ihrem Vegetationsleben blühen und Früchte bilden, danach sterben sie ab. Damit nicht genug; sie blühen synchron periodisch in einer Region wie zum Beispiel ganz Europa und das je nach Art nur alle 12 bis 120 Jahre. Warum das so geschieht, ist bisher noch nicht eingehend erforscht. Die Natur birgt eben doch noch ihre kleinen Geheimnisse.
Für die „Jagd“ nach dem besten Tiermotiv bietet die Periode der Wasserknappheit die größte Chance auf Erfolg. Denn ganz egal ob Pflanzen- oder Fleischfresser, ob Jäger oder Gejagter, jedes Tier muss mindestens einmal am Tag zu einem der wenigen noch verbliebenen Wasserlöcher kommen. Die große Frage ist nur: zu welchem!? Die beiden Flüsse des Parks, Halon und Banjar, bilden hier und da größere und kleinere Wasserpools oder Bachläufe, die immer einen Fotostopp wert sind.
Eine Besonderheit Kanhas ist das letzte wildlebende Vorkommen des Hochland-Barasinghas, einer Hirschunterart, die nur hier beheimatet ist und in den 60er Jahren nur knapp vor der Ausrottung bewahrt werden konnte. Der Hochland-Barasingha lebt, abweichend von den anderen Barasingha-Unterarten, in Waldgebieten mit festem Untergrund. Die Bezeichnung Barasingha, ein Wort aus dem Hindi, das „zwölf Hörner“ bedeutet, verweist auf das stark verzweigte Geweih, das häufig zwölf und mehr Enden aufweist.
In dieser urtypischen, an die Erzählungen Rudyard Kiplings erinnernden Landschaft, breiten tausend Jahre alte Bäume ihre Kronen weit aus und spenden nicht nur Schatten, sondern sind vielen exotischen Vogelarten wie indischen Blauracken, Bienenfressern, Eisvögeln oder seltenen Nashornvögeln Unterschlupf. Scharen von schwarzgesichtigen Languren bevölkern die Wälder. Gaur, Indiens größte Wasserbüffel, und Lippenbären gehören ebenso wie Leoparden und Rothunde zu den großen Säugetieren des Parks. Vielleicht hat ja eine Begegnung mit einem indischen Mungo Rudyard Kipling zu seinem Rikki-Tikki-Tavi aus dem Dschungelbuch inspiriert. Diese tagaktiven Tiere, die auch hier immer wieder mal kurz vorbeihuschen, treten in indischen Fabeln als Beschützer der Menschheit auf, in dem sie vor Schlangenangriffen schützen.
Hauptattraktion in Kanha sind unumstritten die Tiger. Ganz Indien nimmt am Wohl und Wehe der Tiger teil. Anders als in Afrika strömen neben ausländischen auch einheimische Touristen zu Tausenden in die Nationalparks. Die meisten Bengaltiger in Indien haben sogar einen Namen oder zumindest eine Nummer, die sie eindeutig identifizieren.
Die Nähe der Raubkatze ist förmlich spürbar. Die angespannte Stille im Wald überträgt sich auf Mensch und Tier. Mit größter Aufmerksamkeit verharren die Besucher, die Beutetiere und sogar die Vögel. Vereinzelte Warnrufe zeigen an, wo sich die großen Jäger aufhalten. Bis plötzlich ein dumpfes Grollen im langsam schon schwächer werdenden Sonnenlicht allen Anwesenden eine Gänsehaut in den Nacken treibt. Das Gebrüll eines Tigers kündet von Kraft, Urinstinkten und absolutem Herrschaftsanspruch. Ein Klang, den man nie wieder vergisst.
Im Kanha-Nationalpark wird erfolgreiches Management mit der Erforschung der Tierwelt verbunden. Dafür wurden beispielsweise mehr als 50 Camps für Ranger eingerichtet, die als Fußpatrouillen täglich unterwegs sind. Mehr als einmal begegneten uns die spärlich bewaffneten Männer auf ihren alten Fahrrädern. Ungefähr 8 bis 10 Kilometer legen sie täglich zurück. Teilweise ermöglicht ihnen die moderne Technik eine drahtlose Kommunikation untereinander, die im Ernstfall lebensrettend sein kann. Während des Monsuns, wenn die Wege mit Jeeps und zu Fuß unpassierbar sind, kommen Elefanten-Patrouillen zum Einsatz. Es scheint eine schier unlösbare Aufgabe, die Interessen der sich stetig ausdehnenden Bevölkerung und der zu schützenden Wildtiere in Einklang zu bringen. Doch die Bemühungen der letzten Jahrzehnte, die auch auf Brand- und Gewässerschutz erweitert wurden, zeigen erste Erfolge, sowohl im Tierbestand als auch im Verhalten der umliegenden Bewohner. Seither hat sich die Zahl der Tiger in Kanha wieder auf über 200 Tiere erhöht.

Bandhavgarh
Im Reich des Bengalischen Tigers

© Frank Hanel
© Frank Hanel

Inmitten des Vindhya-Gebirges im zentralindischen Staat Madhya Pradesh liegt der Bandhavgarh-Nationalpark, dessen Name vom höchsten Berg (807 m) dieser Gegend stammt. Die hügelige Landschaft wird von einem Plateau überragt, auf dem einst das Fort der Maharajas stand. Der Überlieferung nach führt der Bau des Forts zurück in die Zeit des Ramayana, neben dem Mahabharata das zweite indische Nationalepos. Es heißt, der Affenkönig Sugriva und sein Minister Hanuman schufen diesen Ort für den Prinzen Rama, um sich nach seinen Schlachten auszuruhen. Für Besucher ist das Fort derzeit geschlossen.
Bandhavgarh war der Sitz mehrerer indischer Dynastien und herrschaftliches Jagdgebiet. Im näheren Umkreis befinden sich wildreiche Grasgebiete, die aus Sümpfen hervorgegangen sind, die ihrerseits einst zum Schutz des Forts angelegt wurden. Nach der Unabhängigkeit Indiens blieb Bandhavghar zunächst in Privatbesitz, bis das Gebiet im Jahr 1968 durch den Maharaja von Rewa an den indischen Staat als Schutzgebiet übereignet wurde. Heute ist der Park in fünf Zonen aufgeteilt (Tala, Magdhi, Kallwah, Khitauli und Panpatha) und ist eines der am besten gemanagten Schutzgebiete Indiens, wobei die örtliche Bevölkerung aktiv mit einbezogen wird. Die tiefen Täler sind mit Teakholz- und Bambuswäldern bedeckt. Das offene Grasland und die Mischwälder bieten ausgezeichnete Möglichkeiten für Wild- und Vogelbeobachtungen.
Die meisten Jeepsafaris führen in die Tala-Zone, wo die Chance auf eine Tigersichtung aufgrund der übersichtlichen Größe und einer beachtlichen Tigerpopulation am größten ist. Sogar weiße Tiger soll es hier geben, das letzte Mal wurde 1951 ein Exemplar von Maharaja Martand Singh gefangen.
Begegnungen mit Rotwild wie Muntjaks, Nilgau-Antilopen oder Axishirschen sowie mit Rhesus- oder Languren-Affen sind nahezu garantiert. Aber auch Lippenbären, Stachelschweine und Sambarhirsche leben im Wald verborgen, während sich Hyänen, Füchse und Schakale gelegentlich auch im offenen Gelände zeigen. Daneben kommen etwa 200 Vogelarten im Park vor. Mittlerweile wurde auch der Gaur nach seinem unerklärlichen Verschwinden Ende der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts erfolgreich wieder angesiedelt. Der Gaur ist der größte lebende Vertreter der Rinder. Ein Gaurbulle erreicht die beeindruckende Kopf-Rumpf-Länge von 3,30 m, eine Körperhöhe von 2,20 m sowie ein Gewicht von über einer Tonne. Diese als gefährdet eingestuften Tiere leben in hügeligem Gelände und steigen gebietsweise bis 1.800 m auf. Es sind typische pflanzenfressende Gemischtköstler, die sowohl Gras als auch Laub und Kräuter zu sich nehmen.
Unter den Säugetieren des Parks steht neben dem Tiger der Lippenbär auf der roten Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion. Dieses scheue Raubtier ist mit seinen unbehaarten Lippen, der schmalen Zunge und den schließbaren Nasenlöchern extrem gut an seine Ernährungsgewohnheiten (überwiegend Termiten) angepasst. In einigen Regionen Indiens werden die Jungtiere gefangen und als Tanzbären eingesetzt. Hauptsächlich werden sie jedoch durch die Zerstörung ihres Lebensraums, durch Waldrodungen und durch die Einebnung von Termitenhügeln, in ihrem Bestand bedroht. Der Hindi-Name des Bären, Bhalu, inspirierte Rudyard Kipling offensichtlich zu seinem uns allen bekannten Charakter Baloo der Bär im Dschungelbuch.
Angefangen hat in Bandhavgarh alles mit Sita und Charger, einem legendären Tigerpaar. Sita, auch die Mutter von Bandhavgarh genannt, war die wohl am meisten fotografierte Tigerin der Welt. Ihr Porträt schaffte es sogar bis auf die Titelseite des National Geographic Magazins. Mit Charger, dem ersten gesunden Tigermännchen in den 90er-Jahren in Bandhavgarh, hatte sie vier Würfe von Jungtieren, bevor sie im Jahr 1996 auf rätselhafte Weise verschwand. Bis heute ist nicht definitiv geklärt, ob sie Opfer von Wilderern wurde oder eines natürlichen Todes gestorben ist. Für Charger, der seinen Namen aufgrund seines extrem aggressiven Verhaltens gegenüber Safarijeeps und Elefanten erhielt, wurde dieses Ereignis zum tragischen Wendepunkt in seinem Leben. Vier Jahre später unterlag der damals ca. 20-jährige Tiger nach mehr als einem Jahrzehnt in einem Revierkampf seinem Herausforderer. Sein Körper wurde am „Charger-Point“ begraben, wo heute noch eine Gedenktafel an ihn erinnert.
Eine erfolgreiche Tigersichtung hängt nicht nur vom Wissen und Geschick des Guides und des Fahrers ab. Mancher holt sich dafür auch noch die Unterstützung indischer Götter. Speziell Ganesha wird angerufen, jeden Morgen mit einem hoffungsvollen Streicheln über den Rüssel, wenn man Glück und Erfolg am Beginn einer Unternehmung braucht. Fast jedes Hotel oder jede Lodge hat im Eingangsbereich eine Statue dieses Elefantenkopf tragenden Götterboten stehen, die diesen „göttlichen Beistand“ ermöglicht.