Namibia
Eine ehemalige deutsche Kolonie emanzipiert sich

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© Harald Lydorf

Riesige Wüsten erstrecken sich an den Küsten Namibias. Trockene Salzpfannen zeugen von der Zeit, als weite Flächen des Landes von einem gewaltigen See bedeckt waren. Durch die Savannen streifen Elefanten und Löwen. Subtropische und tropische Landstriche bilden unglaubliche Kontraste zu den Wüsten. Namibia ist ein Land der Gegensätze, das sich mittlerweile als touristisches Ziel einen Namen gemacht hat.
Im Norden liegt Angola, Botswana befindet sich an der östlichen Grenze, der Südosten und Süden Namibias grenzt an Südafrika. Der Atlantik bildet die Westgrenze des über 800.000 Quadratkilometern großen Landes, das somit mehr als doppelt so groß ist wie Deutschland. Der lang gestreckte Caprivizipfel ganz im Nordosten des Landes grenzt zudem an Sambia, nur getrennt durch den Fluss Sambesi. Und theoretisch gibt es sogar eine Grenze zu Simbabwe, doch diese befindet sich an einem fiktiven Punkt in dem Vierländereck mitten im Sambesi.

Die Namib – Eine Trockenwüste bestimmt die Küste

Als Namibia 1990 unabhängig wurde, wollte es sich die neue Regierung mit keinem der Völker des Landes verscherzen. Deshalb entschied sie sich bei der Suche nach einem neuen Ländernamen für die Ableitung von einer der größten Wüsten, die weite Teile des Landes bedeckt: der Namib. Diese über 2.000 Kilometer lange Trockenwüste prägt die gesamte namibische Atlantikküste, reicht im Norden bis nach Angola hinein und endet erst weit im Süden in Südafrika.
Obwohl die Wüste in ihrer Nord-Süd-Ausdehnung gigantisch ist, so reicht sie doch nur bis zu 130 Kilometer ins Land hinein und erhebt sich dabei langsam vom Niveau des Meeresspiegels bis in etwa 600 Meter Höhe. Östlich dieser kargen Landschaft türmt sich dann das Escarpment (die Große Randstufe) als mächtiger Gebirgswall auf und gipfelt mit dem Königstein im Brandberg-Massiv auf 2.579 Meter. Tiefe Täler zerteilen dazwischen das Escarpment in Richtung Meer.

Im Hochland siedeln die meisten Menschen

Noch weiter im Osten liegt das namibische Hochland. Auf einer Länge von etwa 1.500 Kilometern erstreckt es sich von Norden nach Süden. Viele der namibischen Städte befinden sich in dieser Gegend, obwohl der Norden und die zentralen Regionen des Hochlandes weitgehend von Trockensavannen dominiert sind.
Zur botswanischen Grenze hin senkt sich die Landschaft dann allmählich wieder ab und geht dabei nach und nach in die Kalahari über. Von Bäumen und Sträuchern bedeckte Sandflächen mit Senken und Pfannen, die je nach Jahreszeit mit Wasser gefüllt oder ausgetrocknet sind, prägen diese Landesteile.
Das Klima Namibias wird als arid bezeichnet, das bedeutet, dass die potenzielle Verdunstung die Niederschläge der Region übersteigt. Es ist also heiß und trocken. Dieses subtropisch-kontinentale Klima ist jedoch in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Der größte Teil des Landes befindet sich im Einflussgebiet des tropischen Sommerregens und die Höhe der Niederschläge spiegelt ein deutliches Nord-Süd-Gefälle wieder.

Steinzeitliche Völker

Die ersten Menschen, die das heutige Namibia besiedelten, waren vermutlich die San und die Khoi Khoi. Beides Völker, die bei manchen Forschern als steinzeitliche Menschen gelten. Sie wanderten etwa um 1300 v. Chr. zum Jagen und Sammeln in diese Region ein, gefolgt von den Bantu, die das Land für ihr Vieh beanspruchten. In den sich daran anschließenden Epochen kam es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen diesen Völkern, die sich bis weit in die Neuzeit fortsetzten, auch als die Briten Anspruch auf das Land anmeldeten.

Wenige Menschen und große Vielfalt

Heute leben in Namibia etwa zwei Millionen Menschen – über die Hälfte von ihnen ist noch minderjährig. Die meisten Namibier siedeln im Zentrum und im Norden des Landes, in der Hauptstadt Windhoek wohnen fast 250.000 von ihnen. Doch weite Teile des Landes, vor allem in der Namib-Wüste und in den Savannen der Kalahari sind menschenleer, was Namibia nach der Mongolei auch den zweiten Rang der am wenigsten besiedelten wüstenhaften Länder der Erde einbringt.
Mit der Einführung der Unabhängigkeit wurde Englisch als Amtssprache festgelegt, wobei Afrikaans weiterhin die dominierende Umgangssprache ist. Es gibt natürlich eine Menge anderer Sprachen, die in Namibia gesprochen werden, unter anderem Deutsch als Folge der deutschen Kolonialzeit. Drei große Sprachgruppen dominieren die über 30 Dialekte der Einheimischen: Die Bantu-Sprachen, die Khoisan-Sprachen und die Familie der indogermanischen Sprachen. Besonders charakteristisch ist die Sprachenvielfalt im Alltag, denn die Namibier wechseln ständig zwischen ihrer Muttersprache, dem Afrikaans und der offiziellen Landessprache.
Als Folge der Missionierung in Namibia sind etwa 90 % der Bevölkerung Christen – eine Zahl, die deutlich über dem Durchschnitt der umliegenden Staaten liegt. Daneben gibt es, wie in vielen Ländern des südlichen Afrika, eine Reihe von Naturreligionen traditionellen Ursprungs.
Aufgrund der vielen Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel San, Ovambo, Ova-Herero, Herero, Himba, Nama, Damara, Kavango, Caprivianer, Rehoboter Baster, weiße Afrikaner und Deutsch-Namibier, gibt es wirklich unzählige Sprachen und Dialekte. Alle pflegen ihre eigenständige Kultur auf Grundlage der Verfassung des Staates. Namibia hat sich daher diese große Vielfalt zum Markenzeichen gemacht: „Unity in Diversity“ (Einheit in der Vielfalt) heißt es in der Werbung der Touristenbranche. Oder auch „One Namibia – one Nation“.

Ein Projekt zum Schutz der letzten Geparden

Namibia beherbergt etwa 3.000 der weltweit noch lebenden 12.000 Geparden, dem schnellsten Landtier der Welt. Doch die Population wird weiterhin massiv dezimiert, da es immer wieder zu Konflikten zwischen den Tieren und den namibischen Farmern kommt. Das Hauptproblem dabei ist, dass die Tiere fast alle außerhalb der geschützten Reservate leben. Die Viehzüchter Namibias fürchten daher um ihre Tiere und machen zu deren Schutz Jagd auf die schönen Raubkatzen. Der tatsächliche Verlust durch die Geparden ist jedoch nachweislich gering, da die Raubkatzen in erster Linie Wildtiere jagen.
Die Aktionsgemeinschaft Artenschutz (AGA) e.V., die auch mit dem Kauf dieser Fotografenedition unterstützt wird, hat sich zum Ziel gesetzt, darüber flächendeckend aufzuklären. Viehzüchter sollen lernen, ihre Nutztiere gepardenfreundlich zu halten und die Bedrohungen realistisch einzuschätzen. Darüber hinaus werden Herdenschutzhunde ausgebildet, die das Vieh vor möglichen Angriffen der Geparden schützen. So soll der Konflikt zwischen Geparden und Menschen dauerhaft gelöst werden, um die Geparde vor der Ausrottung zu bewahren.
Den Massentourismus lehnt die namibische Regierung seit Langem vehement ab, da sie ansonsten nachhaltige Schäden in der Natur befürchtet. Die zumeist gut ausgebaute Infrastruktur ermöglicht mittlerweile eine große Bandbreite an Individualreisen. Mehr und mehr kommt auch der Pauschaltourismus in Namibia auf und es entstehen in der Folge immer mehr Lodges mit hohem Komfort.

Riesige Parks voll unberührter Natur

Im äußersten Nordwesten Namibias befindet sich das nahezu unberührte Kaokoveld. Seine Fläche erstreckt sich über etwa 50.000 Quadratkilometer an der Atlantikküste. Wilde, pastellfarben erscheinende Gebirge erheben sich über abgeschiedenen Flüssen. Obwohl hier die Herero sprechenden Himba leben, trifft man in dieser Region nur sehr selten Menschen. Aufgrund dieser Abgeschiedenheit konnten die Himba Ihre Kultur in diesem Gebiet weitgehend bewahren.
Nur ein Fluss führt im Kaokoveld das ganze Jahr über Wasser: Der Kuene an der Grenze zu Angola. Die anderen Flüsse sind lediglich bei starken Regenfällen als solche zu erkennen. Doch dieser fällt meist nur im Norden, der Süden ist sehr niederschlagsarm. Durchschnitten wird die Landschaft von drei Gebirgen: dem Baynes-Gebirge, den Zebrabergen und dem Ehomo. An das Kaokoveld schließt sich das Damaraland mit seinen bizarren Gesteinsformationen direkt an.
Die große Artenvielfalt des Kaokoveldes wurde im 20. Jahrhundert durch Jäger drastisch dezimiert. Die Bestände von Nashörnern, Elefanten, Löwen und Kudus waren vor allem durch Wilderer fast völlig ausgelöscht. Heute wird ein entschlossener Kampf gegen die Wilderei geführt und die Bestände erholen sich langsam wieder. So findet man hier mittlerweile wieder regelmäßig Nashörner, deren Bestand sich vor allem durch ein spezielles Schutzprogramm einigermaßen stabilisiert hat. Und auch Wüstenelefanten, die vermutlich eine eigene Unterart der afrikanischen Elefanten darstellen, locken viele Touristen in diese abgelegene Landschaft.

Der Ur-See lockt noch heute das Wild an

Am östlichen Rand des Kaokoveldes befindet sich der Etosha Nationalpark. Eine bemerkenswerte Salzpfanne bedeckt große Teile des Parks. Sie hat ihren Ursprung in einem riesigen See, der das südliche Afrika einst dominierte. Durch tektonische Veränderungen verschoben sich die Erdplatten, die hier aufeinander treffen, und veränderten dabei den Verlauf einiger Flüsse, was schließlich zum Austrocknen dieses Ur-Sees führte. Zurück blieben die hellen Salzpfannen, in deren Umfeld heute erstaunlich viele Tiere leben. Etwa 1.500 Elefanten und 200 Löwen teilen sich das Land mit 350 Spitzmaul-Nashörnern und circa 20.000 Springböcken und Zebras. Eine Besonderheit ist in diesem Park durch die Einzäunung in den 1970er-Jahren entstanden: Da die Tiere infolge der Reduzierung auf das Nahrungsangebot innerhalb der Parkgrenzen an Kalziummangel leiden, bilden die Elefanten hier nur sehr kleine Stoßzähne aus.

Ein schmaler Landzipfel mit tropischem Klima

Der Caprivizipfel im Nordosten bildet einen deutlichen Kontrast zu den anderen Landschaften Namibias. Dieser Landstrich erstreckt sich etwa 450 Kilometer in ost-westlicher Richtung und ist an seiner breitesten Stelle nur 90 Kilometer, ansonsten knapp über 30 Kilometer breit. 1890 wurde dieses flache Sumpfland von der britischen Regierung an das Deutsche Reich abgetreten, das eine Landverbindung nach Deutsch-Ostafrika, der anderen deutschen Kolonie auf dem afrikanischen Kontinent, schaffen wollte.
Das Klima ist im Caprivizipfel fast durchgehend tropisch, denn der Okavango, der Kwando und einige Nebenarme des Sambesi strömen hier hindurch. In der Regenzeit zieht es daher sehr viele Tiere in diese Gegend – und die Touristen folgen ihnen. Üppige Regenwälder, riesige Sümpfe und unendlich viel Wasser stellen einen denkbar großen Gegensatz innerhalb der namibischen Natur dar. Von hier aus unternehmen viele Besucher Ausflüge zu den Victoriafällen und ins Okavango-Delta nach Botswana.
In dem hier gelegenen Bwabwata-Nationalpark können sie entlang der Flussufer Krokodile bei der Jagd beobachten, Flusspferde und über 400 Vogelarten bestaunen. Besonders berühmt sind zudem die riesigen, manchmal bis zu 100 Tiere umfassenden Elefantenherden, die die Marschen des Kwando durchwandern.

Swakopmund und das Brandbergmassiv

Man glaubt es kaum, aber es gibt in Namibia auch Orte, an denen der Besucher Abkühlung findet. Einer davon ist Swakopmund am Atlantik. Die kolonialen Wurzeln sind hier an jeder Ecke augenscheinlich: Deutsche Straßennamen und Restaurants findet man noch überall. Und ein nicht unbedeutender Teil der Bevölkerung spricht Deutsch. Durch den kalten Benguela-Strom sind die Temperaturen das ganze Jahr über recht kühl und Nebel gehört zum normalen Bild des Ortes.
Etwa 160 Kilometer nördlich von Swakopmund erhebt sich ein ovales Bergmassiv aus der ansonsten eher flachen Landschaft. Das Brandbergmassiv. Mit einer Ausdehnung von 23 mal 30 Kilometern ist es das größte Bergmassiv Namibias. Mit seinen 2.580 Metern sticht der Königstein zwar nicht besonders hervor, ist aber dennoch der höchste Berg des Landes. Dieses Areal ist vor etwa 70 Millionen Jahren entstanden. Über 50.000 Felszeichnungen sind am Brandberg bisher gefunden worden, deren Alter auf 2.000 bis 4.000 Jahre geschätzt wird. Die bekannteste der Zeichnungen ist die „Weiße Dame“. Diese Figur hat zwar keine weiblichen Formen, doch vermutete man seinerzeit wegen der Körperhaltung und der Lotusblume, die sie in der Hand trägt, es handele sich dabei um eine Frau. Wenn man auch heute eher einen Schamanen oder einen Krieger in der Figur sieht, so hat man doch den damaligen Namen beibehalten.
Das „Matterhorn Namibias“ – so wird die Spitzkoppe etwas weiter im Süden genannt. Sie ragt etwa 800 Meter aus der Umgebung hervor und wird von der kleinen Spitzkoppe flankiert. Wie das Brandbergmassiv entstanden auch diese Insel-Berge aus einer Intrusion, also dem Aufsteigen von flüssigem Magma von unten in die bestehende Felslandschaft. Der sich dabei erhebende Hügel wurde im Laufe von Jahrmillionen durch die Erosion zu den heute sichtbaren Felsspitzen geformt.

Salzpfannen und vertrocknete Akazien

An der Atlantikküste erstreckt sich der größte Nationalpark Namibias auf 50.000 Quadratkilometern: Der Namib-Naukluft-Park. Unendliche Dünenlandschaften beherrschen das Bild. Die Ausläufer der bis zu 300 Metern hohen Dünen reichen beinahe übergangslos in das wellengepeitschte Meer hinein. Östlich dieser öden Gegend entspringt im Naukluft-Gebirge der Tsauchab, der nach etwa 150 Kilometern einfach in der Namib-Wüste verdunstet. In besonders regenreichen Jahren bilden sich in den Salz-Ton-Pfannen, den Sossus- und Dead-Vleis, kleine Seen. Und noch heute zeugen die Stämme vieler vertrockneten Akazien in der Umgebung davon, dass der Fluss einst den Atlantik erreichte.
Dieser Nationalpark prunkt nicht mit den großen Wildtieren, wie die anderen Parks des Landes, sondern er kommt etwas zurückhaltender, wenn auch ebenso faszinierend daher. Bedingt durch die große Trockenheit leben hier in erster Linie Geckos, Schlangen und Insekten. Aber auch Schakale, Strauße, Spieß- und Springböcke und Hyänen durchstreifen die sandigen Gebiete.

Sand und Meer

Im Süden der Namib liegt an der Atlantikküste der kleine Ort Lüderitz. Bei Arbeiten an der Bahnstrecke ins Landesinnere fand ein Arbeiter 1908 den ersten Diamant und löste dadurch einen Diamantenboom aus, der schon in den 1920er-Jahren wieder abflaute, weil sich der Diamantenabbau weiter in den Süden verlagerte. In der Lüderitzbucht ruhen etwa 20 Inseln im Meer, auf denen Brillenpinguine in großen Kolonien leben. Über Jahrtausende haben sie und viele andere Wasservögel zur Grundlage für den ersten Exportboom nach Europa beigetragen: Ihre Ausscheidungen werden zu Guano, das ein idealer Dünger für vielerlei Pflanzen und damit weltweit sehr begehrt ist. Die Guanoschichten auf diesen Inseln sind oft viele Meter dick und werden noch heute kontrolliert abgebaut.
Neben den Pinguinen bevölkern Flamingos die Inseln und stellen faszinierende Farbkleckse in der wellenumtosten Gegend dar.
Nur etwa zehn Kilometer von Lüderitz entfernt befindet sich im Inland die heute verlassene Diamantengräberstadt Kolmannskop, teilweise vom Sand begraben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Ort stark bevölkert und aus dieser Region kamen zu der Zeit 20 % aller weltweit geschürften Diamanten. Doch schon 1930 war auch hier die größte Zeit vorbei und in den 1950er-Jahren wurde der Ort sich selbst überlassen. Heute ist er als Museum zugänglich.

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