Ein Gorilla-Tracking im Bwindi Impenetrable National Park bietet die seltene und großartige Gelegenheit, diese faszinierenden Tiere in ihrem natürlichen Umfeld zu beobachten. Unser Startpunkt war das Park Headquarter in Buhoma. Die Gemeinde Buhoma liegt am nordwestlichen Parkeingang, rund 450 Kilometer – 10 Autostunden – von der ugandischen Hauptstadt Kampala entfernt. Dort müssen alle Gorilla-Permits (quasi die „Eintrittskarten“) bei der Uganda Wildlife Authority (UWA) erworben werden – am besten mit langem zeitlichem Vorlauf, weil Permits zu bestimmten Terminen oft bereits Monate vorher ausgebucht sind.

Buhoma

Buhoma hat vom Gorillatourismus durchaus profitiert. Viele der ansonsten ausschließlich in der Landwirtschaft tätigen Einwohner haben durch die wegen der Gorillas angereisten Gäste ein Auskommen oder zumindest ein Zubrot gefunden. Eine wenngleich meist bescheidene touristische Infrastruktur erwirtschaftet Umsätze, die es ohne die Gorillas in dieser vollständig abgelegenen Gegend sonst nicht geben würde. Auch wenn die Gorillas manchmal den Wald verlassen und Schäden auf den Feldern anrichten – der finanzielle Nutzen der Tiere für das Land überwiegt bei weitem. Insgesamt besteht weitgehende Einigkeit, dass – so zynisch dies auch klingen mag – ein lebender Berggorilla von ökonomisch ungleich höherem Wert ist als ein toter. Selbst Dian Fossey, die sich lange dem Gedanken des Gorilla-Tracking zu „ihren“ Berggorillas vehement widersetzt hatte, räumte schließlich ein, dass die damit verbundenen Einnahmen letztlich dem Schutz und Fortbestand ihren geliebten Tieren langfristig zugute kommen.

Vier habituierte, also an die Anwesenheit von Menschen gewöhnte Gorilla-gruppen, können im Bwindi-Wald besucht werden: Die Gruppen „Habinyanja“ (18 Mitglieder, zwei Silber-rücken), „Mubare“ (10 Mitglieder, ein Silberrücken) und „Rushegura“ (19 Mitglieder, ein Silberrücken), die wir während unserer Trackings alle aufgespürt haben, und die „Nkuringo- Gruppe“ (20 Mitglieder, zwei Silberrücken), die sich jedoch überwiegend außerhalb der Parkgrenzen aufhält. Die Anzahl der Mitglieder einer Gorillagruppe ist stark schwankend, da immer wieder Tiere die Gruppen wechseln. Eine – allerdings sehr kontrovers diskutierte – Habituierung zweier weiterer Gruppen ist im Gange.

Zum Gorilla-Tracking sollte man – neben regendichter Kleidung, festem Schuhwerk und einer vernünftigen Fotoausrüstung – noch zweierlei mitbringen: Leidensfähigkeit und Liquidität. Leidensfähigkeit, weil nach einer langen Autofahrt zum Nationalpark ein häufig beschwerlicher Marsch durch den unwegsamen Regenwald zu absolvieren ist. Die Suche der Gorillagruppen führt oft über steile und nach Regenfällen schlammige und rutschige Berghänge, die mit nesselnden und dornigen Pflanzen bewachsen sind, und kann sich über Stunden hinziehen. Gefragt sind Konditionsstärke und Enthusiasmus. Liquidität ist allein schon deshalb erforderlich, weil die UWA pro Gorilla- Permit, also die offizielle Besuchserlaubnis, im Moment noch (nur) 500 US $ pro Person berechnet. Im Preis enthalten sind Führer, Spurensucher, Pistenschläger und bewaffnetes Begleitpersonal der ugandischen Armee, je nach dem Stand der Sicherheitslage und der aktuellen Beziehungen zur Demokratischen Republik Kongo – und schließlich ein hölzerner Wanderstock, den man auf jeden Fall mitnehmen sollte. Hinzu kommen Parkeintritt, Trinkgelder und Ausgaben für persönliche Träger, die einem alles, was man nicht selbst tragen möchte, zuverlässig hinterher schleppen.

Ein Permit berechtigt dazu, eine unvergessliche Stunde bei der gebuchten Gorillagruppe zu bleiben, danach muss in jedem Fall der Rückweg angetreten werden. Wer dies alles auf sich nimmt, wird überreich belohnt: Das Erlebnis ist unvergleichlich. Es ist schwer in Worte zu fassen, welche Emotionen es beim Betrachter auslöst, wenn eine Gorillamutter selbstvergessen und zärtlich mit ihrem Baby schmust; wenn drei Jungtiere spielerisch während der Mittagsrast miteinander raufen, oder wenn der Silberrücken lässig von einem Baum zu uns heruntersteigt – um näher bei „seiner“ Gruppe zu sein – und sich dann der umliegende Waldboden mit Gorillas füllt. Ein Gorillaweibchen greift nach einem Kotballen, den der Silberrücken gerade abgesetzt hat, beißt hinein und knabbert dann voll Wonne daran herum, als wäre es ein köstlicher Apfel der Sorte „Golden Delicious“. Erstaunlich für uns ist, dass die Tiere sich selbst bei ähnlicher Größe ohne weiteres auseinander halten lassen. Jedes Gorillagesicht trägt individuelle Züge. Die Form der Nase und ihrer Falten ist so unterschiedlich wie der menschliche Fingerabdruck. Ihre Gesichter können, so will es zumindest scheinen, Stimmungen ausdrücken, Freude, Unbehagen und gewiss auch Trauer. Wenn ein Gorilla versonnen auf ein Jungtier schaut und sich dann die Mundwinkel verziehen und ein Lächeln andeuten, dann spürt man förmlich die genetische Nähe zwischen Mensch und Menschenaffen.

Besonders beeindruckend ist natürlich die Begegnung mit dem Silberrücken. Ein gewaltiges Exemplar! Mächtiger Schädel, riesiger Brustkorb, gigantische Arme, auf die er sich lässig abstützt. Und dann dieser weißgraue Rücken, mit dem er sich – neben der schieren Größe – von den anderen Tieren der Gruppe deutlich abhebt. Eine unglaubliche physische Präsenz, eine gelassene, geradezu arrogante Überlegenheit. Kein King Kong. Aber der King. Der Chef. Der Patriarch. Unangefochten – in den von uns besuchten Gruppen jedenfalls. Ein souveränes Auftreten, das keinen Widerspruch zu dulden scheint. Und der doch gutmütig ein Jungtier – sein Kind, denn im Zweifelsfall sind alle Jungtiere der Gruppe auch sein Nachwuchs – während der Rast auf seinem Rücken herumtanzen lässt.

Wir kauerten auf dem Waldboden und beobachteten die Tiere, die uns weitgehend ignorierten. Nur der Silberrücken, das ist zu spüren, beobachtete uns zumindest aus den Augenwinkeln ganz genau. Wenn er den Eindruck hat, die Rast und die Beobachtung sei lang genug gewesen, steht er auf und geht gemessenen Schrittes davon, und alle anderen folgen ihm. Binnen weniger Augenblicke hat der Wald sie verschluckt. Wer sie einmal gesehen hat, wer nicht nur ein Foto, sondern auch sich selbst ein Bild von den Berggorillas gemacht hat, der wird dieses Bild für immer mit sich tragen: Von unseren Brüdern im Bwindi.