Wir machten uns im Januar 2009 auf den Weg. Neun Tage sind wir mit unserem Team, drei Führern, einem Koch und ungefähr zwanzig Trägern (so genau konnten wir das bis zum letzten Tag nicht feststellen) im Ruwenzori unterwegs gewesen. Wir folgten dem zentralen Rundkurs, der sich an alten Pfaden der einheimischen Jäger orientiert. Früher gab es in den unteren Bereichen viele Waldelefanten, Affen (sogar Gorillas) und Leoparden – die gibt es immer noch, aber zu Gesicht bekommt man sie selten.

Am ersten Aufstiegstag begleiteten uns zuerst noch hunderte bunter Schmetterlinge. Wir folgten dem Mubuku River immer tiefer in den zentralen Teil der Berge. Auf den letzten Höhenmetern zur Nyabitaba Hut hat sich die Umgebung bereits vollständig verändert. Es ist kühl geworden, das Unterholz ist nicht mehr so dicht, Moose und Flechten breiten sich auf Bäumen und Felsen in einem hochstämmigen Urwald aus. Hoch oben in den Bäumen springen Colobus-Affen hin und her – wir hörten sie mehr, als dass wir sie sahen. Die magische Atmosphäre der Mondberge beginnt spätestens hier – und lässt niemanden bis zum letzten Tag wieder los. Der Abend war geprägt durch Gespräche über das, was uns in den nächsten Tagen hier wohl erwartet. Die Wege des Ruwenzori sollen durch ihre dichte Vegetation, Schlamm und Sümpfe die mühseligsten Trekking-Steige der Welt sein …

Am dritten Tag zeigt der Ruwenzori sein wahres Gesicht!

Auf dem sehr langen Teilstück zur knapp 4.000 Meter hoch gelegenen Bujuku Hut müssen zwei ausgedehnte Sümpfe durchquert und mehrere sehr steile Passagen überwunden werden. Wir starteten früh, schlitterten über schlammige Wurzeln steil hinab zu einem Fluss, der auf rutschigen, wackeligen Steinen überquert wurde. Direkt am anderen Ufer beginnt der Lower Bigo Bog – ein von unendlich vielen Tussock-Grasbüscheln bewachsener Sumpf aus tiefschwarzem Morast. An einigen Stellen konnten wir nur von einem dieser bis zu 80 cm hohen Grasbüschel zum anderen hüpfen und versuchen, die Balance zu halten. „If you miss it – you’re in“ lautete die mit einem breiten Grinsen unseres Führers Bosco vorgetragene Warnung. Was das heißt, lernten wir noch kennen: mit etwas Glück sinkt man im Fall der Fälle nicht tiefer ein, als die Gummistiefel hoch sind …

Seit ein paar Jahren gibt es einen befestigten Holzsteg durch den Lower Bigo Bog – fast auf seiner gesamten Länge. In erster Linie soll er dazu beitragen die Pflanzen zu schützen, aber wir nahmen die ein bis zwei Stunden Zeitersparnis (und die damit verbundene Bequemlichkeit) natürlich gerne mit. Ein paar Stunden später und ein paar hundert Höhenmeter höher geht das Spiel wieder von vorne los: der Upper Bigo Bog will auch noch durchquert werden. Hier gibt, bzw. gab es ebenfalls einen Steg, doch der Sumpf hat sich ihn innerhalb weniger Jahre zurückgeholt – an manchen Stellen regelrecht „verschluckt“. Das Panorama, das sich hier bietet, ist beispiellos: rundherum ragen Berge hoch hinauf und verschwinden in tief hängenden, dunklen Wolken. Gespeist werden die Sümpfe vom Bujuku, dem gleichnamigen Fluss, der aus dem Bujuku See abfließt. Als Belohnung begann es nun auch noch zu regnen, zur Abwechslung durchsetzt mit hartem Schneegraupel.

Rutschiger Morast, glitschige Wurzeln und dornige Ranken erschweren den nächsten Aufstieg. Der Blick zurück über das riesige Sumpfgebiet entschädigt aber für alle Mühen. Zu allem Überfluss war es hier oben auf dem Plateau extrem windig und sehr kalt. Für nicht mal 3 Minuten öffnete sich plötzlich die Wolkendecke, das Stanley-Massiv mit seinen drei höchsten Gipfeln zeigte sich kurz in seiner ganzen Pracht. Hier wussten wir noch nicht, dass es das einzige Mal während unserer Zeit im Ruwenzori bleiben sollte.

Vorbei am eiskalten dunklen Wasser des Bujuku Sees (er gilt als die am höchsten gelegene Nilquelle) laufen wir auf die Bujuku Hut zu. Überall stehen vereinzelte meterhohe Senezien, deren sattgrüne Blätter vom warmen Nachmittagslicht angestrahlt leuchten. Diese „Blumen“ können bis zu 300 Jahre alt werden. Linker Hand, hinter dem gegenüberliegenden Seeufer, erhebt sich der fast 4.400 Meter hohe Scott Elliott Pass, den wir in zwei Tagen auf dem Weg zu den Gipfeln überschreiten werden. Doch erstmal machten wir es uns auf der Hütte gemütlich, wir verbrachten dort einen Akklimatisierungstag mit Ausflügen in die Umgebung – zu nahe gelegenen wunderschönen Wasserfällen oder hinauf auf den Stuhlmann-Pass.

Der gefährliche Weg zur Margherita-Spitze

Auf dem Weg zur Elena Hut begann es zu schneien. Selbst auf knapp 4.500 Meter (höher als die meisten Gipfel der Alpen) wachsen noch vereinzelte Pflanzen, die diese extreme Witterung aushalten und deren Anblick, wie sie da so im Schnee stehen, sehr ungewöhnlich anmutet – fast schon außerirdisch. Am Abend rissen die Wolken auf, wir erlebten eine fantastische Stunde, in der sich Berge und Täler, Wolken und Licht rund ums Stanley-Massiv von ihrer schönsten Seite zeigten. Würde es morgen früh genauso sein? Ja! Nach einer kalten Nacht mit wenig Schlaf – in der Hütte hatte es 1 Grad (immerhin plus) – krochen wir um 6 Uhr widerwillig und müde aus den Schlafsäcken. Keine Wolken! Los ging’s!

Gleich 5 Minuten hinter der Elena Hut beginnt ein steiler, schwieriger Aufstieg über sehr glatte und vereiste Felsen. Üblicherweise wird hier nicht mit Seilen gesichert, von den Führern hörten wir auf Nachfragen immer nur: „No Problem, you can do it …“. Unser Resümee: Die höchsten Gipfel der Mondberge sind nur etwas für geübte Bergsteiger, die sich selbst um ihre Ausrüstung und Sicherheit kümmern.

Am Beginn des Stanley Gletschers legten wir Steigeisen an und bildeten zu viert eine Seilschaft. Die Überschreitung des Gletschers stellte keine großen Ansprüche, aber die Höhe machte natürlich allen zu schaffen. Wir bewegten uns langsam (wirklich sehr langsam …) auf die 5.000-Meter-Marke zu. Nach kurzer Felskletterei ging es auf dem Margherita Gletscher weiter. Es wurde steiler. Inzwischen waren wir immer öfter von Wolken umschlossen – wenn sie in kurzen Momenten aufrissen boten sich beeindruckende Blicke ins Tal und zu vielen anderen Gipfeln.

50 Meter vor dem Margherita-Gipfel muss eine Schlüsselstelle, eine etwa 10 Meter hohe, fast senkrechte Steilwand, durchklettert werden. In dieser Höhe eine echte Anstrengung und Herausforderung. Es gibt am Anfang eine kurze Leiter und Fixseile – die allerdings stark vereist sind. Danach sind es nur noch wenige Meter über einen Grat bis zum höchsten Punkt der Mondberge. Überall bilden sich nachts Raureifkaskaden in blendendem Weiß auf den dunklen Felsen. Bei Berührung zerbrechen sie sofort in tausend kleine Reifkristalle, die vom Wind schnell davongetragen werden. Der Lohn für alle Mühen: Kurz rissen die Wolken auf, Albert- und Alexandra-Spitze erschienen zum greifen nah – und verschwanden sofort wieder im Nebel.

Die „schönste Ecke“ des Ruwenzori …

… ist zweifellos das Kitandara Valley. Nach Überwindung des Scott Elliott Pass mit seinen riesigen, schwarzen, von schmierigen Flechten bewachsenen Felsblöcken spazierten wir relativ gemütlich (im strömenden Regen …) über verhältnismäßig stabile Wege aus Geröll durchs obere Kitandara Tal. Ganz nah an den pechschwarzen, steil aufragenden Wänden des Mount Baker entlang. Alle paar Meter schossen Wasserfälle an den Felsen herunter.

Nach einem kurzen Aufstieg auf ein kleines Plateau liegt das untere Kitandara Tal vor uns. Die Riesensenezien bilden hier teilweise hohe und dichte Wälder, auf deren Boden fast kein Licht mehr fällt. Wie kleine Käfer oder Gulliver auf seinen Reisen fühlten wir uns darin. Vor uns lag das Ziel der Etappe: die beiden herrlichen Kitandara Seen leuchteten tief dunkelgrün inmitten eines üppig bewachsenen, canyonartigen Talkessels. Der Weg führt oberhalb des ersten Sees entlang – dass es hier matschig war, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber – Nebel waberte in Schüben über den unteren Kitandara See und kroch auch schon mal unter der Tür durch bis in die Kitandara Hut, die direkt am Seeufer liegt.

Die letzten Hindernisse

Auf dem weiteren Weg muss zunächst wieder ein hoher Pass überwunden werden. Der Blick zurück vom Freshfield Pass hinunter zu den Kitandara Seen belohnt für die Strapaze hier hoch geklettert zu sein – es gibt keinen anderen Weg, sofern man nicht den Hinweg zurücklaufen möchte (was wirklich nicht zu empfehlen ist …). Von hier oben gut zu sehen: das Wasser fließt aus dem unteren See als mäandernder Butawu River bis weit in den Kongo hinein – irgendwann verliert sich der Fluss im Dickicht. Die malerisch auf einem riesigen Moosteppich verteilten Riesenpflanzen scheinen hier oben noch zahlreicher zu sein als irgendwo sonst auf dem zentralen Rundkurs. Wir hatten diesmal Wetterglück – meistens ist das ganze Szenario überhaupt nicht zu sehen. Oft ist der Nebel so dicht, dass man die Hand vor Augen fast nicht erkennt.

Wir betraten einen düsteren Wald, etwas unbestimmbar Abweisendes ging von ihm aus. Es herrschte eine unheimliche Stille. Der Wald besteht aus Erikabäumen und Johanniskraut. Bei uns in Europa erreichen diese Pflanzen nur eine Größe von wenigen Zentimetern. Hier in den Mondbergen wachsen sie zu riesigen Bäumen heran, größer als 20 Meter. Dicke Lianen hängen von den Spitzen bis auf den Boden herunter. Zentnerschwere rote Moospolster, die von bunten Orchideen und Farnen bewachsen sind, umhüllen die Äste. Wie Schwämme saugen Sie das Wasser auf. Bei jeder Berührung lief es uns direkt in die Ärmel der inzwischen völlig durchnässten Regenjacken – war jetzt auch schon egal …

Die Guy Yeoman Hut liegt ein paar Meter abseits des hier noch recht kleinen Mubuku River, durch den wir vorher kilometerweit laufen mussten – immer noch besser als im weglosen Gelände neben seinen Ufern im Matsch zu versinken. Wenn das Wasser zu tief ist und es sich doch mal nicht vermeiden ließ, glichen unsere Bewegungen eher denen von Betrunkenen, während unsere Führer und Träger scheinbar ohne Mühe über den unsicheren Untergrund „schwebten“.

Der letzte Tag brach an – zur Abwechslung begann es heute etwas früher zu regnen. Die letzte, wirklich nicht ungefährliche Schlüsselstelle des Ruwenzori-Trails lag vor uns: der Kichuchu Rockshelter. Bevor einige Leitern und Treppen fest angebracht worden sind, soll es vorgekommen sein, dass Wanderer aus Angst vor einem Absturz so kurz vor dem Ziel umgekehrt sind. Also lieber den mindestens 5tägigen bekannten Weg zurück auf sich genommen haben, als hier abzusteigen. Die Felsen werden überspült von Rinnsalen und Wasserfällen und sind extrem rutschig. Unten heil angekommen gratulierten uns die Träger und Führer, die hier üblicherweise auf Ihre Gäste warten. Das Schlimmste war geschafft! Ab jetzt ist es nur noch ein Spaziergang nach Nyakalengija, vorbei an der ersten Übernachtungshütte, aufgetaucht aus einer mystischen Welt der Superlativen, zurück in die Zivilisation.

Perle Afrikas