Fünf Zentimeter größer als im Leben steht Ulrike Freifrau von Mengden im Zoo von Jakarta. Im bronzenen Arm trägt sie ein Affenbaby, und hinter ihrem Rücken wird im Dezember das größte Orang-Utan-Gehege der Welt eröffnet. Der richtigen Ulrike von Mengden ist es noch immer ein bisschen zuwider, schon zu Lebzeiten „wie Kaiser Wilhelm“ dem eigenen Abbild gegenüberzutreten.

Den Ehrenplatz am Eingang zum Gehege hat sich die 82-Jährige redlich verdient. Es handelt sich um die jüngste von mehreren Würdigungen in den späten Jahren ihres langen Lebens. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, und im Sommer dieses Jahres hat sie zum zweiten Mal einen Umweltpreis der Frankfurter Schubert-Stiftung erhalten. Das mit der Aufmerksamkeit verbundene Preisgeld kann die „Mutter der Affen Indonesiens“, wie sie sich selbst voller Stolz nennt, gut gebrauchen. Schließlich hat sie eine große Tierfamilie durchzufüttern und durchzubringen. In ihrem Haus mitten im Zoo von Jakarta lebt sie, umgeben von einer Schar jüngerer und älterer Orang-Utans, die sie auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet. Zur Familie gehört auch eine Menagerie anderen Getiers, darunter ein federloser Kakadu und ein kleiner Hund mit Überbiss, genannt Idefix. „Ich liebe alle Tiere, von der Maus bis zum Walfisch“, sagt die Offizierstochter aus dem ostpreußischen Labiau.

Vor 50 Jahren kam sie mit ihrem Mann nach Indonesien. Dieser verstarb bald darauf; sie selbst zog vor 35 Jahren in den Zoo der Hauptstadt um, der damals aus der Innenstadt in einen Außenbezirk verlagert wurde. Wer sie besucht, darf mit dem Auto durch den Tiergarten bis vor ihre Haustür fahren – ein Privileg der Freifrau und ihrer Gäste. In ihrem Zoodomizil betreibt sie seitdem aus eigenen Mitteln eine Auffangstation für Orang-Utans, die aus Gefangenschaft befreit oder von den Besitzern verstoßen wurden.

Nachhilfeunterricht im Klettern

Wie Menschenkinder pflegt und hätschelt sie hier die oft kranken oder halb verhungerten Orang-Babys. Eine Freundin kümmert sich gerade um Ningsi, das jüngste Affenbaby. Es wird gewindelt, in den Schlaf gesungen und für die Nacht in ein Kinderbett gelegt. Dutzende der rot behaarten Menschenaffen – die meisten von ihnen konfiszierte Tiere aus Privathaushalten – sind von der Preußin und ihren Helfern zum Leben in Freiheit angeleitet und in noch intakte Wälder Borneos entlassen worden. „Ihr habt alle das Ticket zur Freiheit in der Tasche“, sagt die Affenpatronin zu ihren Schützlingen, „ich mache euch groß und stark, damit ihr fliegen lernt und draußen in der eigenen Natur ein richtiges Affenleben führen könnt.“

Ohne ihre richtige Mutter, bei der sie im Wald bis zu acht Jahren bleiben, sind die jungen Orang-Utans für das Leben in der Wildnis nicht gerüstet. Sie können nicht einmal klettern, geschweige denn wissen, wie man sich von den Früchten des Waldes ernährt oder in den Kronen der Bäume ein Schlafnest baut. Das lernen sie nun im menschlichen Nachhilfeunterricht. Das Klettern wird auf „Affenspielplätzen“, an Klettergerüsten und Hangelseilen, geübt. Dazu holen „Ulla“ und ihre Helfer die Affen mehrmals am Tag aus ihren Käfigen. Andere Fertigkeiten schauen sich die Affenschüler bei cleveren, älteren Artgenossen ab. Das Rüstzeug zum Überleben holen sich die Jungtiere in der Auswilderungsstation der internationalen Balikpapan Orangutan Survival Foundation (BOSF), die in Ostkalimantan einen von hohen Mauern umgebenen „Übungsdschungel“ unterhält.

Derart vorbereitet, finden sie sich im Urwald allein zurecht. Ohne Affenfreunde unter den Menschen freilich wären früh verwaiste Orang-Utans verloren. Als Hausgenossen wider Willen, als Maskottchen werden sie schnell zu Karikaturen ihrer menschlichen Besitzer: Sie lernen allenfalls, wie man eine Zigarette raucht oder sich ein Bier aus dem Kühlschrank holt. Aber sie können auch, einmal unbeaufsichtigt, im Handumdrehen einen ganzen Haushalt verwüsten – wovon die Freifrau ein Lied zu singen weiß. Älter geworden, entwickeln sich Orangs zu Meistern der Flucht. Aber bei ihr sei „auf Ehre und Gewissen“ in 40 Jahren noch nie einer abgehauen, versichert Ulrike von Mengden. Denn sie würden alle „durch das Band der Liebe gehalten“.

zitiert aus DIE ZEIT 02/2003, Artikel vom Dietrich Jörn Weder